Als Ingrid Wolter vor zwei Jahren allein in ihrer großen Wohnung saß, las sie in der Zeitung von einem Projekt. „Ich habe drei Zimmer, aber ich brauche nur eins“, erzählt die 78-jährige Rentnerin. Heute wohnt die Studentin Leila Ahmadi bei ihr. Miete zahlt Leila nicht, jedenfalls nicht mit Geld. Stattdessen hilft sie Frau Wolter im Alltag: Sie kauft ein, trägt die Getränkekisten in den vierten Stock und erklärt ihr, wie das Tablet funktioniert.
Das Projekt des Studentenwerks bringt seit fünf Jahren ältere Menschen und Studierende zusammen. Die Regel ist einfach: Für jeden Quadratmeter Wohnfläche hilft der junge Mensch eine Stunde im Monat. Leilas Zimmer ist 14 Quadratmeter groß, also hilft sie 14 Stunden im Monat. Nur die Kosten für Strom und Wasser teilen sich die beiden. Pflege gehört übrigens nicht zu den Aufgaben – dafür kommt weiterhin zweimal pro Woche ein Pflegedienst.
„Am Anfang war ich unsicher, ob das klappt“, sagt Leila. „Wir sind ja sehr verschieden.“ Inzwischen kochen die beiden oft zusammen, und Frau Wolter hilft Leila beim Lernen für ihre Prüfungen in Geschichte. Streit gab es bisher nur einmal: Leila hatte nachts zu laut Musik gehört. „Seitdem trägt sie Kopfhörer“, sagt Frau Wolter und lacht.
Vor dem Einzug lernen sich die Partner bei einem Treffen im Studentenwerk kennen. Wenn sie sich sympathisch finden, wohnen sie zuerst einen Monat zur Probe zusammen. Erst danach unterschreiben sie einen Vertrag. Zurzeit gibt es in der Stadt 40 solcher Wohnpartnerschaften. Das Studentenwerk sucht dringend weitere Seniorinnen und Senioren mit einem freien Zimmer, denn die Nachfrage ist viel größer als das Angebot: Auf jedes freie Zimmer kommen etwa fünf Bewerbungen von Studierenden.