Ingrid Sattler: Willkommen zu unserer Diskussion in der Woche der Lehre. Ich bin Ingrid Sattler, Studiendekanin, und ich moderiere heute, werde meine eigene Sicht aber nicht verschweigen. Unser Thema: Soll es in Seminaren wieder eine Anwesenheitspflicht geben? Herr Yıldız, Sie vertreten die Studierenden.
Emre Yıldız: Danke. Ich will gleich sagen: Wir sind nicht gegen Anwesenheit, wir sind gegen Kontrolle. Viele Studierende arbeiten neben dem Studium, manche pflegen Angehörige. Wenn man sie zwingt, jede Sitzung zu besuchen, verlieren sie im Zweifel ihren Job, nicht ihre Lust am Seminar.
Ingrid Sattler: Frau Roth, Sie beschäftigen sich in der Hochschuldidaktik mit genau solchen Fragen.
Paula Roth: Ja, und ich muss zunächst ein Missverständnis ausräumen. Die Forschung zeigt zwar, dass regelmäßige Teilnahme mit besseren Noten zusammenhängt. Daraus folgt aber nicht, dass eine Pflicht diese Wirkung hat. Wer nur kommt, weil er unterschreiben muss, sitzt oft innerlich abwesend da.
Ingrid Sattler: Da widerspreche ich ein Stück weit. Ein Seminar lebt davon, dass Menschen da sind und miteinander diskutieren. Wenn von dreißig Angemeldeten nur zwölf erscheinen, leiden auch diejenigen, die zuverlässig kommen. Für mich ist das auch eine Frage der Fairness gegenüber der Gruppe.
Emre Yıldız: Das sehe ich, aber dann muss man fragen, warum die Leute nicht kommen. Oft liegen Seminare zu Zeiten, in denen auch Pflichtvorlesungen stattfinden. Das ist ein Planungsproblem und kein Motivationsproblem.
Paula Roth: Ich würde den Blick noch auf etwas anderes lenken. Seminare, in denen die Studierenden vorher etwas vorbereiten und in der Sitzung tatsächlich gebraucht werden, haben kaum Fehlzeiten. Die Gestaltung der Sitzung ist der stärkste Hebel.
Ingrid Sattler: Gut, aber nicht jedes Fach erlaubt das gleichermaßen. In unseren Laborpraktika geht es zum Beispiel auch um Sicherheit. Wer die Einweisung verpasst, darf schlicht nicht an die Geräte.
Emre Yıldız: Bei solchen Praktika hat auch niemand von uns etwas dagegen. Uns geht es um reine Diskussionsseminare. Und da wünschen wir uns eine klare Regel: Wer fehlt, kann eine Ersatzleistung erbringen, etwa ein kurzes Thesenpapier.
Paula Roth: Solche Ersatzleistungen halte ich allerdings für problematisch, wenn sie nur Papier produzieren, das niemand liest. Dann sollte die Ersatzleistung wenigstens in die nächste Sitzung einfließen.
Ingrid Sattler: Damit hätten wir vielleicht schon einen ersten Ansatz für einen Kompromiss.