Moderator: Willkommen bei „Campus und Gesellschaft“. Mein Gast heute ist die Biologin Miriam Lenz. Sie leitet das Projekt „Stadtfalter“, bei dem Bürgerinnen und Bürger Schmetterlinge in ihrer Stadt zählen. Frau Lenz, wie ist das Projekt eigentlich entstanden?
Miriam Lenz: Angefangen hat alles vor vier Jahren mit einer recht bescheidenen Idee. Wir wollten wissen, welche Falter in unserer eigenen Stadt überhaupt noch vorkommen, und hatten dafür schlicht nicht genug Personal. Also haben wir die Bevölkerung um Hilfe gebeten. Geplant war das Ganze für eine einzige Stadt und einen einzigen Sommer. Inzwischen machen Menschen in mehr als dreißig Städten mit.
Moderator: Wer sind denn diese Menschen?
Miriam Lenz: Das hat uns selbst überrascht. Wir hatten vor allem mit Rentnerinnen und Rentnern gerechnet, die Zeit und oft einen Garten haben, und die sind auch zahlreich dabei. Aber fast ein Viertel der Meldungen kommt von Jugendlichen, meist über Schulklassen, deren Lehrkräfte das Projekt in den Biologieunterricht einbauen.
Moderator: Kritiker sagen, Laien könnten Arten verwechseln. Wie verlässlich sind die Daten?
Miriam Lenz: Die Sorge ist berechtigt, und wir nehmen sie ernst. Deshalb muss jede Beobachtung mit einem Foto belegt werden. Unsere Software schlägt eine Art vor, und Fachleute aus dem Team prüfen dann stichprobenartig, ob die Bestimmung stimmt. Bei häufigen Arten liegen die Teilnehmenden übrigens fast immer richtig; schwierig wird es nur bei einigen sehr ähnlichen Arten.
Moderator: Gab es Ergebnisse, die Sie nicht erwartet hätten?
Miriam Lenz: Einige. Dass Gärten mit Wildblumen besser abschneiden als kurz gemähter Rasen, war zu erwarten. Überrascht hat uns, wie artenreich Friedhöfe sind. Dort fanden wir in manchen Städten mehr verschiedene Falter als in den großen Parks. Das liegt wohl daran, dass es dort ruhig ist, viel blüht und kaum Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden.
Moderator: Was passiert mit den Daten?
Miriam Lenz: Sie sind öffentlich zugänglich, und einige Städte nutzen sie bereits. Unsere eigene Stadtverwaltung hat zum Beispiel in zwei Stadtteilen den Mähplan geändert: Die Wiesen am Straßenrand werden dort nur noch zweimal im Jahr gemäht statt sechsmal.
Moderator: Wie wird das Projekt finanziert?
Miriam Lenz: Bisher trägt eine private Stiftung die Kosten, vor allem für die App und zwei halbe Stellen. Diese Förderung läuft allerdings Ende des nächsten Jahres aus. Wir führen gerade Gespräche mit dem Land und mit mehreren Kommunen, aber eine Zusage haben wir noch nicht.
Moderator: Was bringt das Projekt den Teilnehmenden selbst?
Miriam Lenz: Mehr, als wir dachten. In einer Umfrage haben viele erzählt, dass sie seit ihrer Teilnahme ihren Garten oder Balkon anders gestalten und zum Beispiel heimische Blumen pflanzen. Für mich ist das fast wichtiger als die Daten selbst: Wer Falter zählt, schaut genauer hin, und wer genauer hinschaut, handelt anders.
Moderator: Gab es auch Kritik, die Sie überzeugt hat?
Miriam Lenz: Ja, eine ganz zentrale. Anfangs konnte man nur über die App mitmachen. Ein Seniorenverband hat uns darauf hingewiesen, dass wir damit gerade viele ältere Menschen ausschließen, die kein Smartphone besitzen. Seit dem zweiten Jahr gibt es deshalb einen Papierbogen, den man mit der Post schicken oder in Bibliotheken abgeben kann.
Moderator: Werden die Ergebnisse auch wissenschaftlich veröffentlicht?
Miriam Lenz: Das war ein mühsamer Weg. Fachzeitschriften sind bei Daten von Laien sehr zurückhaltend. Unser erster Artikel ist nach fast zwei Jahren Begutachtung im letzten Monat erschienen. Das war für das ganze Team ein großer Moment.
Moderator: Zum Schluss: Was raten Sie Hörerinnen und Hörern, die mitmachen möchten?
Miriam Lenz: Einfach anfangen, und zwar an einem warmen, sonnigen Tag ohne viel Wind, denn dann sind die meisten Falter unterwegs. Fünfzehn Minuten reichen völlig, und Vorkenntnisse braucht niemand. Die Bestimmung lernt man mit der Zeit ganz von selbst.
Moderator: Frau Lenz, vielen Dank für das Gespräch.