Wer heute einen Hörsaal betritt, sieht vor allem eines: aufgeklappte Laptops. Stift und Papier sind zur Ausnahme geworden. Seit einigen Jahren wird allerdings heftig darüber gestritten, ob diese Entwicklung dem Lernen schadet. Mehrere viel zitierte Untersuchungen schienen nahezulegen, dass Studierende, die mit der Hand mitschreiben, Vorlesungsinhalte besser verstehen und behalten als diejenigen, die tippen. Manche Hochschullehrende haben daraus die Konsequenz gezogen und Laptops in ihren Veranstaltungen kurzerhand verboten.
Eine Forschungsgruppe um den Psychologen Jonas Kettler von der Universität Rheinfelden wollte es genauer wissen. „Uns hat gestört, dass in der öffentlichen Diskussion immer nur das Werkzeug verglichen wurde“, sagt Kettler. „Die eigentlich interessante Frage ist doch, was beim Mitschreiben im Kopf passiert.“ Seine Vermutung: Nicht der Stift selbst macht den Unterschied, sondern die Tatsache, dass man mit der Hand nicht schnell genug schreiben kann, um alles wörtlich festzuhalten. Wer mit der Hand notiert, ist gezwungen auszuwählen und zusammenzufassen – und verarbeitet den Stoff dabei gründlicher.
Um diese Annahme zu prüfen, teilte das Team 240 Studierende verschiedener Fächer in drei Gruppen ein. Alle sahen dieselbe aufgezeichnete Vorlesung von rund vierzig Minuten über die Geschichte der Kartografie. Die erste Gruppe schrieb mit der Hand mit, die zweite tippte ohne weitere Vorgaben auf dem Laptop. Die dritte Gruppe arbeitete ebenfalls am Laptop, erhielt aber vorher eine kurze Anleitung: Sie sollte nicht mitschreiben, was der Dozent sagt, sondern die wichtigsten Gedanken in eigenen Worten zusammenfassen. Eine Woche später wurden alle Teilnehmenden getestet, und zwar ohne dass sie ihre Notizen vorher noch einmal ansehen durften. Der Test enthielt sowohl Fragen nach einzelnen Fakten als auch Aufgaben, bei denen Zusammenhänge erklärt werden mussten.
Das Ergebnis bestätigt Kettlers Vermutung. Bei den Faktenfragen schnitten alle drei Gruppen ungefähr gleich ab. Bei den Verständnisaufgaben dagegen lag die Gruppe, die ohne Anleitung getippt hatte, deutlich hinter den beiden anderen. Zwischen den Handschreibenden und der angeleiteten Laptop-Gruppe fand sich hingegen kein nennenswerter Unterschied. Die Auswertung der Notizen zeigte zudem, dass die nicht angeleiteten Tippenden mehr als doppelt so viele Wörter notiert hatten wie die beiden anderen Gruppen – und dass ein Großteil davon wörtlich mit dem Vortrag übereinstimmte.
„Das Problem ist also nicht der Laptop, sondern das Abtippen“, fasst Kettler zusammen. Wer jeden Satz mitschreibe, arbeite gewissermaßen als Protokollmaschine und habe kaum Kapazität frei, um über das Gehörte nachzudenken. Eine kurze Einweisung reiche offenbar aus, um dieses Verhalten zu ändern. Interessanterweise empfanden viele Teilnehmende der dritten Gruppe das Zusammenfassen als anstrengender als das bloße Mittippen. „Gerade diese Anstrengung ist aber vermutlich der Grund für den Lernerfolg“, meint Kettler.
Getippte Notizen haben nach Ansicht der Forschenden sogar einen Vorteil, der in der Debatte oft übersehen wird: Sie lassen sich leichter durchsuchen, ergänzen und mit anderen teilen. In einer Folgestudie will das Team deshalb untersuchen, welche Rolle die Wiederholung der Notizen vor einer Prüfung spielt. Denn im Alltag lernen Studierende in der Regel nicht nur in der Vorlesung selbst, sondern vor allem in den Tagen danach.
Nicht alle Fachleute teilen Kettlers Optimismus. Die Bildungsforscherin Lea Sommer von der Pädagogischen Hochschule Altmark gibt zu bedenken, dass die Studie unter Laborbedingungen stattgefunden habe. „Im echten Hörsaal sind die Laptops mit dem Internet verbunden. Nachrichten, soziale Netzwerke, E-Mails – all das lenkt ab, und dieser Effekt kam in der Untersuchung gar nicht vor.“ Auch sei eine einzige Vorlesung zu einem einzigen Thema eine schmale Grundlage für weitreichende Empfehlungen. Kettler räumt diese Einschränkungen ein, verweist aber darauf, dass Ablenkung kein Argument gegen das Tippen an sich sei, sondern gegen ein bestimmtes Verhalten, das sich ebenso ändern lasse.
Für die Lehre ziehen die Forschenden eine klare Konsequenz: Statt Geräte zu verbieten, sollten Hochschulen ihren Studierenden zu Beginn des Studiums zeigen, wie man sinnvoll mitschreibt. An der Universität Rheinfelden wird ein solcher Workshop ab dem kommenden Wintersemester für alle Erstsemester angeboten. Ob er langfristig etwas bewirkt, soll ebenfalls wissenschaftlich begleitet werden.