Kaum jemand hält es heute noch aus, ein paar Minuten nichts zu tun. An der Bushaltestelle, im Wartezimmer oder in der Schlange an der Supermarktkasse greifen die meisten Menschen sofort zum Smartphone. Langeweile gilt als lästiger Zustand, den man so schnell wie möglich beenden sollte. Die Psychologin Miriam Hollweg sieht das anders. „Langeweile ist kein Fehler, sondern ein Signal“, sagt die Wissenschaftlerin, die seit Jahren erforscht, was in unserem Kopf passiert, wenn uns nichts beschäftigt.
Nach ihrer Auffassung zeigt Langeweile an, dass die aktuelle Tätigkeit nicht zu unseren Bedürfnissen passt. Sie sei damit vergleichbar mit Hunger: ein unangenehmes Gefühl, das uns dazu bringt, etwas zu verändern. Problematisch werde es erst, wenn man dieses Signal dauerhaft übergehe – etwa, weil man es mit ständiger Unterhaltung überdeckt.
In einem Experiment ließ Hollwegs Team zwei Gruppen von Studierenden zunächst eine Viertelstunde lang Telefonnummern aus einem alten Verzeichnis abschreiben – eine bewusst eintönige Aufgabe. Eine dritte Gruppe durfte stattdessen sofort mit dem eigentlichen Test beginnen. Darin sollten alle Teilnehmenden möglichst viele Verwendungsmöglichkeiten für einen einfachen Gegenstand finden, zum Beispiel für eine Büroklammer. Das Ergebnis überraschte selbst die Forschenden: Wer sich vorher gelangweilt hatte, kam im Durchschnitt auf deutlich mehr und vor allem originellere Ideen. Allerdings galt das nur für die Gruppe, die während der langweiligen Aufgabe kein Handy benutzen durfte. Die andere Gruppe, die zwischendurch Nachrichten lesen konnte, schnitt nicht besser ab als die Teilnehmenden ohne Vorbereitung.
Hollweg erklärt das so: Wenn das Gehirn keine äußeren Reize bekommt, beginnt es, eigene Gedanken zu produzieren. Es springt von einer Erinnerung zur nächsten, verknüpft Dinge, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben, und spielt mögliche Zukunftsszenarien durch. Genau dieses scheinbar ziellose Umherwandern der Gedanken sei die Grundlage für kreative Einfälle. „Das Smartphone unterbricht diesen Prozess, bevor er richtig beginnen kann“, so die Psychologin.
Bedeutet das, dass wir uns möglichst oft langweilen sollten? Ganz so einfach ist es nicht. Chronische Langeweile, etwa bei einer dauerhaft unterfordernden Arbeit, kann nach Hollwegs Erkenntnissen zu Unzufriedenheit und sogar zu gesundheitlichen Beschwerden führen. Entscheidend sei, ob man die Langeweile als vorübergehende Pause erlebe oder als Zustand, aus dem man keinen Ausweg sieht.
Für den Alltag empfiehlt die Forscherin deshalb keine großen Veränderungen, sondern kleine Freiräume. Wer zum Beispiel auf dem Weg zur Arbeit gelegentlich das Handy in der Tasche lässt und einfach aus dem Fenster schaut, gebe seinem Gehirn die Gelegenheit, sich neu zu ordnen. Auch Eltern rät sie zu mehr Gelassenheit: Kinder, die sich langweilen, müssten nicht sofort beschäftigt werden. „Oft erfinden sie gerade dann ihre besten Spiele.“